Inhalt:
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Vorab
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Stadterneuerung als Lernprozess
- Der schwierige Start ins Neuland der Stadterneuerung - die erste Phase des
Lernprozesses
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Der Lernprozess geht weiter - die zweite Phase der
Stadterneuerung
- Die vorlaeufig letzte Phase des Prozesses: die Rueckkehr der Stadtplanung
-
Formulierung von Erneuerungsplaenen aus der Interaktion zwischen
staedtebaulicher Leitplanung und Quartiersplanung.
- Hinweise auf als naechstes anstehende Aufgaben
Daran anschliessend:
eine Auflistung der 'Spielregeln'
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1. Vorab
Anders als bei der Stadterweiterung sind im Aktionsfeld der bestehenden
Stadt die professionellen Aktoren, die Stadtplaner, Architekten, Investoren
und Politiker, nicht unter sich. Planung und Investition stossen auf eine
besetzte Welt aus differenzierten vorhandenen Nutzungen, die in
Rechtsverhaeltnissen festgelegt sind und in Tradition, Kultur und
Gewohnheit von Menschen ihre innere Verankerung haben. Hier haben es die
Planer und Architekten nicht nur mit einer wehrlosen Natur zu tun sowie mit
Grundbesitzern und Investoren, fuer die der Anreiz der potentiellen
Wertsteigerung in der Regel genuegte, um sie hinter einen Plan zu scharen.
Wenn die bestehende Stadt Objekt von planerischen Eingriffen ist, liegt die
Sache anders: sie ist - allen individualisierenden Rechtsverhaeltnissen zum
Trotz - in gewisser Weise gleichsam kollektives Eigentum: Um sie machen
sich nicht nur die dort wohnenden und arbeitenden Buerger besorgt, sie ist
auch Bestandteil der Identitaet der staedtischen Gemeinschaft und damit der
Identitaet jedes einzelnen ihrer Buerger. Und dieser Bezug ist nicht
unbedingt in erster Linie oekonomisch, er hat starke kulturhistorische und
aesthetische Aspekte, wenn auch die wirtschaftliche Bluete der eigenen
Stadt sicherlich mit ein Element der positiven Identifikation bildet.
Es hat lange gedauert, bis die Stadtplaner hinter ihren Zeichentischen das
komplizierte Interessegeflecht in den Stadtvierteln begriffen und es haette
noch laenger gedauert, wenn sich nicht in so vielen Staedten die von ihren
Planungen potentiell betroffene Bevoelkerung so entschieden gegen die
Perspektiven zur Wehr gesetzt haette, die ihnen durch die Planer verordnet
wurden. Oft waren es dann die Stadtraete, die - nicht von der spezifischen
deformation professionell der Stadtplaner in Mitleidenschaft gezogen - die
Notwendigkeit begriffen, das bis dahin gaengige Planungsverfahren mit
seiner Dominanz der Fachleute und Investoren zu ersetzen durch etwas
anderes, etwas, dessen Inhalt und Vorgehensweise freilich zunaechst noch
undeutlich war und nur tastend in einem muehsamen Tauziehen zwischen den
professionals mit ihren erklaerten Planungszielen und ihrem oertlichen
Widerpart aus Bewohnern und Nutzern Gestalt annahm. Es ist sicher nicht
uebertrieben zu sagen, dass sich all das, was sich mittlerweile als
erprobte Stadterneuerungsstrategie darstellt, herausgeschaelt hat aus einer
Vielzahl von praktischen Erfahrungen vor Ort und quasi experimentell von
unten entwickelt worden ist.
2. Stadterneuerung als Lernprozess
Der muehsame Lernprozess in Sachen "wie erneuere ich eine Stadt" laesst
sich beschreiben mit einer Kette von Stadterneuerungsprojekten mit
spektakulaeren Konflikten um Zielsetzung und Vorgehensweise. Ich will dies
beispielhaft illustrieren an den Niederlanden - nicht nur, weil dies seit
15 Jahren meine fachliche Wahlheimat ist, sondern weil sich hier dieser
Lernprozess besonders gradlinig entwickelt hat. (Zu erlaeutern, warum das
so ist, wuerde hier zu weit fuehren, doch sei zumindest der besondere
Umstaend genannt, dass in diesem Lande trotz aller oft heftigen
Konfrontationen zwischen Buergern und ihren politischen und amtlichen
Vertretern ein gewisses, grundlegendes wechselseitiges Vertrauen vorhanden
ist, womit ich bereits die vielleicht wichtigste Voraussetzung fuer einen
guten Gang der Dinge beim Erneuern der Staedte angesprochen habe ((1)).
Ich werde im folgenden den historischen Verlauf dieses Lernprozesses
skizzieren und jeweils diejenigen der daraus gewonnen Erkenntnisse
benennen, die m.E. allgemeine und damit auch heutige Gueltigkeit besitzen
und die man quasi als die Spielregeln der Stadterneuerung bezeichnen
koennte.
3. Der schwierige Start ins Neuland der Stadterneuerung - die erste Phase des Lernprozesses
Auch in den Niederlanden hatte der Zusammenprall zwischen Bewohnern und
Fachleute zu Beginn der 70er Jahre, wie andernorts in Europa, zu heftigen
Kaempfen gefuehrt. Aufgrund eines besonderen Umstands allerdings erwachte
hier frueher als anderswo ein Gefuehl der Identifikation von breiten
Kreisen der Stadtbuerger mit den innerstaedtischen Quartieren und verhalf
den Planungsbetroffenen zu der so wichtigen Unterstuezung durch die
oeffentliche Meinung. Eines der ersten grossen Stadterneuerungsprojekte sah
den Abrisses eines Teils des mittelalterlichen Zentrums von Utrecht
zugunsten eines Bahnhofs mit Einkaufszentrum vor. Die Realisierung dieses
Projekts zu Beginn der 70er Jahre verursachte quasi einen nationalen
Schock, der dazu fuehrte, dass von vielen eher die Bewohneraktivisten als
Traeger oeffentlicher Belange gesehen wurde als die allzu forsch auf neue
Zeiten zumarchierenden Stadtplanungsaemter. Der oeffentlichen Meinung
jedenfalls erschien recht bald die Erhaltung bestehender baulicher und
sozialer Strukturen wuenschenswerter als der Bau neuer glaeserner Palaeste
von Banken, Versicherungen und Kaufhaeusern an deren Stelle. Die Losung
"Bauen fuers Quartier" statt Abriss und Bewohnervertreibung gewann
dementsprechend innerhalb weniger Jahre eine breite positive Resonanz.
Dieser einsichtigen Haltung breiter Kreise der Oeffentlichkeit leistete
freilich ein besonderer Umstand Vorschub, der die allgemeine
gesellschaftliche Situation gegen Mitte der 70er Jahre unterschied von der
in der 2. Haelfte der 60er oder auch der heutigen. Der raeumliche Expansionsdruck der Stadtkerne hatte zu diesem Zeitpunkt bereits soweit
abgenommen, dass die Allianz aus Bewohneraktivisten, Denkmalpflegern und
kulturhistorisch orientierten Buergern nicht auf maechtigen und
kapitalkraeftigen Widerstand stiess. Auch Kommunalpolitiker und in ihrem
Kielsog schliesslich Stadtplaner in den Planungsaemtern (ihrerseits oft
gedraengt und geschoben von juengeren, nachrueckenden Kollegen) verliessen
ihre festgefuegten Vorstellungen von den Verfahrenseweisen und Prioritaeten
der Planung und begannen mitzuarbeiten an der Entwicklung anderer Ziele und
neuer Strukturen, die die in den Erneuerungsgebieten lebenden Menschen in
den Mittelpunkt der Ueberlegungen stellen. So erhielt allmaehlich das
Konzept der bewohnerorientierten Stadterneuerung Umrisse und Struktur. Und
es war schliesslich wiederum eine der vertrauensbildenden Massnahmen
zwischen Behoerden, Kommunalpolitik und Bewohnern, dass dieses Konzept des
Bauen fuers Quartier in den Jahren, in denen die Grundzuege der
Verfahrensweise der Stadterneuerung entwickelt wurden, Bestantteil
offizieller Strategie wurde.
Dazu gehoerte, dass man den Bewohnern realen Einfluss auf die Bestimmung
der Erneuerungsziele und auf den Ablauf des Verfahrens einraeumte. Das
bedeutete ueber eine neue, nuancierte Denkweise ueber Planungsziele hinaus,
auch eine neue Denkweise ueber die Rolle der Planer und Architekten selbst,
die neben sich die mitdenkenden Adressaten ihrer Planungen akzeptieren
muessten.
Und last not least verlangte dies einen veraenderten Ablauf im Entscheidungsprozess und andere Kompetenzverteilungen, die die traditionelle
hierarchische Aemterstruktur umkrempelte und die Aufgabenverteilung
zwischen Politik, Verwaltung und Oeffentlichkeit durcheinander warf. Hier
wurde viel experimentiert, und jede Gemeinde entwickelte eigene Konzepte,
abhaengig von der lokalen Tradition und dem vorfindlichen politischen
Klima.
In dieser Phase war in den Niederlanden, aber auch darueber hinaus,
Rotterdam eindeutig Schrittmacher. Im Gefolge seiner Vorgehensweise wurde
Mitte der 70er Jahre Stueck fuer Stueck die Stadterneuerung in obigem Sinne
verankert in Organisationsformen, im Planungsverfahren, im Subventionssystem und im juristischen Rahmen.((2))
Als Planungsorganisation wurde die dezentrale, mit Vertretern aller
beteiligten Behoerden besetzte Projektgruppe institutionalisiert, eine
Novitaet, die sich erst nach schweren Kaempfen in den Aemtern durchsetzen
liess, und die heute in vielen europaeischen Laendern zur normalen
Planungsform der Stadterneuerung geworden ist. Der Bewohnreinfluss wurde in
Mitentscheidungsmodellen festgeschrieben, die von Gemeinde zu Gemeinde
lokal differieren und so die jeweilige lokale politische Kultur
widerspiegeln. In Rotterdam ging man selbst so weit, die Behoerdenvertreter
in gewissem Umfang mit einem Entscheidungsmandat zu versehen und die
Bewohnervertreter als gleichberechtigte, stimmberechtigte Mitglieder mit
einer 51% Stimmenmehrheit zuzulassen.
Als Planungsverfahren wurde die suksessive Vorgehensweise entwickelt, die
die Rueckkehr in die eigene Wohnung oder zumindest in eine Wohnung des
Gebiets moeglich macht.
Und schliesslich wurden die oeffentlichen Foerderungsmittel so verwendet,
dass der Verbleib der Bewohner im Gebiet auch fuer einkommensschwache
Haushalte moeglich wurde.
Diese vielleicht kompliziert anmutende Strategie wurde zur gaengigen
Praxis, ohne dass das Erneuerungstempo darunter gelitten haette. In wenigen
Jahren lief die "Stadterneuerungsmaschine" in geoeltem Tempo. Damit war der
Beweis erbracht, dass bewohnerorientiertes und partizipatives Erneuern war
realisierbar und vereinbar mit den Zielsetzungen von Kommunalpolitikern und
Stadtverwaltung ist. Mit Rotterdam an der Spitze waren Verfahrensweisen
entwickelt worden, die radikal mit den tradierten Strukturen von Stadtplanungsaemtern brachen. Der Erfolg dieser Form der Erneuerung zeigte, dass
dieses Modell imstande war, die wiederstreitenden Interessen in den
Quartieren, aber auch der verschiedenen Aemter untereinander und die
Querelen zwischen den verschiedenen Verwaltungsebenen in ein im
allgemeinene fruchtbares Miteinander zu transformieren. Dass sich in Berlin
die Internationale Bauaustellung bemuehte, dieses Modell zu uebernehmen und
den Berliner Dimensionen anzupassen, mag dies illustrieren.((3))
Wenn man versucht, die Bilanz dieser ersten Periode zu machen, wird
deutlich, dass in diesen stuermischen Pioniersjahren (die sich in den
Niederlanden auf die Zeit zwischen 1970-75 zusammendraengte), die meisten
der Grundprinzipien fuer eine gute, auf Konsenz zielende Erneuerung
ausgearbeitet worden sind. Als unumstoesslich auch heute gueltig wuerde ich
die folgenden "Spielregeln" nennen:
- Einrichtung gebietsbezogener, am besten auch im Gebiet stationierter
Projektgruppen, die aus allen wichtigen beteiligten Ressortsbesetzt
sind
- Mitsprache bzw. Miteintscheidung der Bewohner
- differenzierte, objektweise Festlegung der baulichen Eingriffe
- suksessives Verfahren< br />
- Foerderungsmoeglichkeiten zur Ueberbrueckung von untragbaren
finanziellen Belastungen bei finanziell schwachen Bewohnern
Kein absolutes Essential, aber sehr emfehlenswert fuer eine gute
Kommunikation zwischen den Betroffenen und den Planern ist
- die Bereitstellung von professioneller Unterstuetzung fuer die Be-troffenen
Ein Erneuerungsprinzip, das in dieser ersten Phase in den Niederlanden eine
grosse Rolle spielte, ist das bereits erwaehnte "Bauen fuer's Quartier"
Damit ist postupiert, dass die Erneuerungsmassnahmen darauf abzielen
sollen, der im Gebiet lebenden Bevoelkerung auf jeden Fall die Gelegenheit
zu schaffen, auch nach der Erneuerung dort wohnen zu bleiben. Dieses
Prinzip ist in den 80er Jahren von verschiedenen Seiten unter Beschuss
geraten. Es wurde eingewendet, dass damit eine einseitige Bevoelkerungszusammenstellung festgeschrieben worden sei, und neue Potenzen der
wirtschaftlichen und sozialen Regeneration ungenuegend Chance erhielten.
Waehrend damit von mancher Seite explicit das soziale Upgrading propaiert
wurde - ein immer noch umstrittenes und politisch nicht ganz salonfaehige
Konzept - wurde von anderer Seite mehr der Akzent auf die natuerliche
Mobilitaet gelegt: nicht jeder Haushalt will nach der Erneuerung
zurueckkehren, und die Gemeinde kann dies mit beeinflussen durch attraktive
Wohnangebote in anderen Quartieren. Auf diese Weise kann evtl. das Prinzip
- keine Verdraengung von Bewohnern - Bauen fuer die ansaessigen
Bewohner und Benutzer
gewahrt bleiben, ohne dass notwendig eine uebermaessige Konzentration von
unteren Einkommensgruppen damit unabwendbare Folge ist. Die derzeitigen
Erfahrungen weisen uebrigens aus, dass in den meisten Gebieten die
naturwuechsigen Tendenzen des Upgrading beschraenkt sind. Lediglich in
Gebieten mit hoher Lagegunst ist es erforderlich, gegensteuernd
aufzutreten, um die Verdraengung der ansaessigen Bewohner zu verhindern.
4. Der Lernprozess geht weiter - die zweite Phase der
Stadterneuerung
Bereits Ende der 70er Jahre zeigten sich die ersten Defizite des
Erreichten. Die Phase der weltweiten wirtschaftlichen Stagnation hatte zu
hohen Arbeitslosenziffern und einem Anwachsen der Haushalte an oder sogar
unter der Armutsgrenze gefuehrt, hinzukam ein unaufhoerlicher Zuzug von
Auslaendern, die auch dddddurch strengere Einreise- und Aufenthaltsgesetze
nicht zu stoppen waren. Zunehmende soziale Probleme konzentrierten sich
gerade den Vierteln, in denen Menschen mit niederigem Ausbildungsniveau und
geringem Einkommen lebten. Es erwies sich, dass die gerade erst erneuerten
Gebiete nicht gefeit waren gegen diese Entwicklungen - im Gegenteil: das
Beseitigen des stoerenden Gewerbes und aller Aktivitaeten, die die
Wohnqualitaet beeintraechtigen koennte, hatte meist zu einer Verringerung
der oekonomischen Potenzen und natuerlich auch des Arbeitsplatzangebots
gefuehrt.
Auch diese Erkenntnis hatte ausfuehrliche Diskussionen in der Fachwelt zur
Folge, sodass die Stadterneuerer selbstkritisch mit sich und ihren
Stadtvaetern zu Rate gingen. Man verschob und ergaenzte die Prioritaeten
und Verfahren der Stadterneuerung. Die wirtschaftliche Stabilitaet eines
Gebiets wurde mit in die Liste der Erneuerungsziele erhoben. In Rotterdam
etwa, das in den ersten Jahren nur Bewohnervertreter als Teilnehmer in
seine Projektgruppen zugelassen hatte, Gewerbetreibende aber nicht,
revidierte diese Bestimmung.
Die Entdeckung der Trivialitaet, dass eine grosse Zahl der Probleme eines
Quartiers nicht baulicher Natur sind und also auch nicht mit baulichen
Massnahmen geloest werden koennen, fuehrte zur Wiederbelebung der
Diskussion um amteruebergreifende, integrale Herangehensweisen. Denn
Arbeitslosigkeit, geringes Einkommen, individuelle und gruppenspezifische
Isolation, Auslaenderfeindichkeit, Vandalismus, Drogenabhaengigkeit und
kleine Kriminalitaet koennen nur dann wirklich effizient angepackt werden,
wenn die professionellen, ordnungsrechtlichen und politischen
Moeglichkeiten der verschiedenen amtlichen Sektoren zu komplexen
Problemloesungsstrategien gebuendelt werden. Dem steht jedoch die Scheidung
in getrennte amtliche Kompetenzbereiche, die auf kommunaler Ebene bei den
verschiedenen Aemtern und auf zentraler Ebene bei unterschiedlichen
Ministerien liegen, entgegen. Dass dieser Zustand nur mit grosser,
langanhaltender Anstrengung ueberwunden werden kann, und zunaechst einmal
jeder Versuch einer grenzueberschreitenden Herangehensweise gegen den
Widerstand der amtlichen und politischen Duodezfuersten samt ihrer
jeweiligen Trosse fuehrt, wird jedem Praktiker der Stadterneuerung nur
allzu deutlich sein. Das erklaerte Ziel der beginnenden 80er Jahre in den
Niederlanden, die "integrale Stadterneuerung" kann denn auch nur auf
schuechterne Ansaetze ihrer Verwirklichung weisen. Aber immerhin ist ein
Stadterneuerungsfonds eingerichtet, der von verschiedenen Ministerien
gespeist wird und dadurch auch auf lokaler Ebene die Kooperation
verschiedener Aemter (Wohnungsneubau, Modernisierung, Gewerbeansiedlung,
Gruenplanung etc.) erforderlich macht. (4)
Das erbrachte, als Quintessenz dieser zweiten Lernphase, einige weitere
"Spielregeln" fuer eine erfolgreiche Stadterneuerung, die sicherlich
allgemeine Gueltigkeit beanspruchen koennen:
- Erhaltung von Mischstrukturen soweit wie irgend moeglich
- Staerkung der wirtschaftlichen Potenz eines Gebiets durch Stuet
zungsmassnahmen fuer das ansaessige Gewerbe
- Mitsprache und evtl.Mitentscheidungsrecht auch fuer Gewerbetreibende
und Unternehmen
- Konzipierung einer "Integrale Stadterneuerung" als ressortueber
greifendes Organisationsziel
4. Die vernachlaessigte aesthetische Dimmension: die Stadterneuerer entdecken
Architektur und Staedtebau
Die Diskussion, die im vergangenen Jahrzehnt die Gemueter der Fachgenossen
(im breiten Sinn) vielleicht am meisten erhitzt hat, war wohl die um die
Postmoderne. Die Stadterneuerer hatten nicht wenig Vorwuerfe einzustecken:
sie hatten sich nur um Bautechnik und Miethoehen gekuemmert, ohne die
aesthetische Dimension ihrer Aktivitaeten zur Kenntnis zu nehmen.((5)) Es ist
sicher ein Verdienst dieser Vorwuerfe, dass die Stadterneuerer vielleicht
zum ersten Mal und dann einigermassen erschreckt ihre architektonischen und
staedtebaulichen Fruechte betrachteten. Und es spricht fuer die Zunft, dass
viele selbstkritisch in sich gingen und den bisher kanonisierten Aspekten
der Vorgehensweise neue Ueberlegungen hinzufuegten, die sich mit der
Stadtgestalt und ihrer Interpretation durch die Erneuerungsmassnahmen
beschaeftigten. Nicht zuletzt waren es wieder die Politiker, die mit dem
richtigen Gespuer fuer Publikumswirksames hier nachgeholfen haben - und so
ist es in den Niederlanden denn auch einem Politiker zu verdanken, dass die
Stadterneuerung aufs neue mit einem spektakulaeren Konzept in den
Brennpunkt des oeffentlichen Interesses rueckte - und Rotterdam seine
Vorreiterrolle verlor. Der damalige Bausenator von Den Haag, Adrie
Duivestijn, proklamierte die "Stadterneuerung als kulturelle Aktivitaet"
und postulierte auch fuer die vernachlaessigten Gebiet eine
"Quartierskultur" von erstem aesthetischem Rang als Erneuerungsziel. Zur
Erneuerung eines der am meisten verwahrlosten Gebiete, das wegen seines
heruntergekommenen Zustands und seiner immensen sozialen Probleme im ganzen
Land eine traurige Beruehmtheit geniesst, heuerte er neben jungen
niederlaendischen Architekten mit ausgesprochenem Formgefuehl auch den
Portugiesen Alvaro Siza an - aus "erzieherischen Gruenden" fuer die eigene
Architektenschaft. Denn Siza wusste mit den auslaendischen Familien, den
Stiefkindern der Partizipation, ueber ihre Wohnwuensche zu reden und diese
Wohnwuensche zu uebersetzen in eine Architektursprache von vorbildlichem
Feingefuehl fuer den Charakter des Vorfindlichen.
Hieraus lassen sich zwei weitere weitere "Spielregel" der Stadterneuerung
formulieren:
- Aufmerksamkeit fuer die stadtgestalterische Seite der Erneuerungsmassnahmen
- sorgfaeltige Auswahl der Architekten nach Gestaltungsvermoegen,
Gespuer fuers Vorhandene und der Faehigkeit zum Dialog mit den
Buergern
6. Die vorlaeufig letzte Phase des Prozesses: die Rueckkehr der Stadtplanung
Selbst dem naiven Zeitungsleser duerfte durch seine taegliche Lektuere
nicht verborgen geblieben sein, dass die technologischen, wirtschaftlichen
und sozialen Verschiebungen der 80er Jahren neue Raumansprueche geltend
gemacht haben und sich nun, in den 90ern, diese Tendenzen aufgrund der
politischen Entwicklungen in den sozialistischen Laendern noch verschaerfen
werden. Potente Investoren draengen in Spitzenstandorte der Staedte, oft
mit fertigen Planunterlagen und der Spekulation, dass die neuaufgeflammte
Staedtekonkurrenz die Kommunalpolitiker geradezu zur Zustimmung zwingt.
Wieder einmal droht die Gefahr, dass die Planer zusehen muessen, wie die
Geschaefte um den staedtischen Boden und seine Nutzung ueber ihre Koepfe
hinweg gemacht werden und sie oft genug nur noch sanktionieren koennen, was
ohnehin schon politisch tolerierte, oft genug selbst erwuenschte Realitaet geworden ist.
Konfrontiert mit diesen Problemen zeigt sich als ein Defizit der Stadterneuerungsverfahren, wie sie in den 70er Jahren entwickelt sind, die nahezu
ausschliessliche Orientierung auf Fragen des Quartiers selbst. Stadterneuerung muss sich heute erneut der Frage staedtischer Umstrukturierung und
grossraeumiger Planung stellen. Das heisst aber nicht, dass die
Erkenntnisse der 70er Jahre, der sorgfaeltige Umgang mit den Quartieren und
die Entwicklung eines "buttom-up"-Planungsverfahrens ad acta gelegt werden
muessen. Die Aufgabe heisst vielmehr: Die Strategien der 90er Jahre muessen
auf die Entwicklung von Planungsverfahren gerichtet sein, mit denen gesamtstaedtische Fragestellungen an die von Quartieren gekoppelt werden koennen.
Daraus folgt, dass eine deutliche stadtplanerische Einbettung der
Aktivitaeten der Projektgruppen vor Ort ein Essential erster Orndung ist.
Viele Probleme sind nur auf gesamtstaedtischer Ebene anzupacken und
beduerfen der Erarbeitung stadtplanerischer Konzepte, die aber ihrerseits
nur im Dialog mit der Quartiersebene erarbeitet werden koennen. Die
Projektgruppe hat dann die Aufgabe eines Gespraechspartners und eines
Praezisionsinstruments: Sie ist der lokale Planungsapparat vor Ort, in dem
die Kenntnis ueber die Potenzen und sinnvollen Loesungen des Gebiets
zusammenfliessen; sie ist die Stelle, in der auf unterster Ebene Konsenz
hergestellt werden kann ueber Ziele und ueber effiziente Vorgehenssweisen.
Wie dies anzugehen waere, daran doktert man zur Zeit in den niederlaendischen Gemeinden mit der Energie und Verbissenheit herum. Noch ist die
Kontur zu undeutlich und sind die Erfahrungen zu jung, um hierueber zu
berichten. Aber zumindest laesst sich eine eigentlich selbstverstaendliche
Spielregel formulieren, die lediglich aufgrund der Abwesenheit
oekonomischen und raeumlichen Veraenderungsdrucks in der Stagnationsphase
der 70er Jahre in den Hintergrund geraten war:
- Formulierung von Erneuerungsplaenen aus der Interaktion zwischen
staedtebaulicher Leitplanung und Quartiersplanung.
Abschliessend noch einige Hinweise auf als naechstes anstehende Aufgaben:
Mit dem ersten Hinweis moechte ich direkt anschliessen an unsere letztgenannte "Spielregel". Ich habe die stadtplanerische Einbettung der
Erneuerungsplaene eine Selbstverstaendlichkeit genannt, und in der Tat
waren ja auch die allerersten Plaene, die damals noch Sanierungsplaene
hiessen, aus einer staedtischen Gesamtplanung entwickelt. Es genuegt jedoch
nicht, einfach einen Faden wieder aufzunehmen. Inzwischen sind zwanzig
wichtige Jahre vergangen, in denen die Buerger gelernt haben, mitzudenken
und mitzureden bei Fragen der Gestaltung und des Umbaus ihrer Stadt.
Beteiligungsverfahren sind entwickelt fuer die Quartiersplanung, noch
rudimentaer nur fuer die Stadtplanung. Hier gilt es zu experimentieren mit
Beteiligungsformen, die sicher nicht dieselben sein koennen wie die auf
Stadtteilebene, sich aber auch nicht in formalen Anhoerungsverfahren
erschoepfen duerfen. Denn will man den Buergern gesamtstadtische
Ueberlegungen verstaendlich machen, sodass sie diese auf den ihnen
naheliegenden Planungsebene, der Quartiersebene, mit in ihre Abwaegung
einbeziehen koennen, dann darf man sie nicht mit einem fertigen Ergebnis
der uebergeordneten Planung konfrontieren.
Einen weiteren Punkt habe ich oben bereits angedeutet.Die Aufgabenstellung
fuer die Stadterneuerung hat sich verschoben.
Die Probleme der Stadtquartiere sind andere geworden; sie fallen
auseinander in solche, die durch starken Investitionsdruck auf ein Gebiet
hervorrufen sind, und in solche, die durch beschleunigte Degradationsprozesse entstanden sind. Zum Teil betrifft dies
unterschiedliche Gebiete, zum Teil spielt es sich aber auch innerhalb ein
und desselben Gebiets ab.
Stadterneuerungsmassnahmen muessen daher staerker als in der Vergangenheit
steuernd, auch explicit gegensteuernd, auftreten. Um dies zu koennen,
beduerfen sie der Einbettung in uebergeordnete Plaene (wie
Flaechnnutzungsplan, Strukturplan oder wie diese Planfiguren in den
verschiedenen Laendern auch heissen moegen) und muessen ausgearbeitet sein
in rechtsverbindlichen Planfiguren (wie Bebauungsplan, Bestemmingsplan).
Und sie beduerfen eines breiten politischen Konsenses in der staedtischen
Oeffentlichkeit. Oeffentlichkeitsarbeit in den Medien, Anhoerungs- und
Beteiligungsverfahren, einmuendend in rechtswirksame Plaene, abgestimmt mit
den sektoralen Planungen sind unerlaessliche Voraussetzung, um dem Druck
von Partikularinteressen, dem auch Politiker ausgesetzt sind, pari bieten
zu koennen.
Fuer die bereits erneuerten Gebiete erhebt sich die Frage der Fortfuehrung
einer staendigen planerischen Betreuung; es genuegt nicht, einmal erneuerte
Gebiete in eine Unabhaengigkeit zu entlassen, in der ihnen keine
Hilfestellung geboten wird bei der Bewaeltigung von all den sozialen,
baulichen und funktionellen Problemen, mit denen heute, in einer Zeit
grosser Veraenderungsdynamik der staedtische Alltag unaufhoerlich belastet
ist.
Hier gilt es, organisatorische Strukturen der bewohnerorientierten
Wohnungsverwaltung und der staendigen professionellen Gebietsbetreuung
bereit zu stellen. Die Gemeinden Rotterdam und Den Haag sind seit einigen
Jahren damit beschaeftigt, ihre Stadtserneuerungsprojektgruppen um zu bauen
in Betreuungsprojektgruppen. Wesentlich hierbei ist, die verschiedenen
sozialen Betreuungsinstitutionen und die Institutionen von
Wohnungsverwaltung und Betreuung der Infrastruktur integral in einer
Organisationsform in Kontakt mit einander zu bringen, um das Mass von
Abstimmung, das in Stadtserneuerungsprozess erreicht worden ist, zu
kontinuieren und weiter aus zu bauen. Ebenso wichtig ist auch die
Identifikation der Bewohner mit ihr Gebiet, die im Prozess der Erneuerung
(wenn er gut verlaufen ist) gestaerkt worden ist, weiter zu entwickeln und
ihnen beim der Verwirklichung ihrer Ideen ueber die weitere Revitalisierung
des Gebiets Hilfestellung zu leisten.
..........................
1. Helga Fassbinder, Modelle der Stadterneuerung in den
Niederlanden, Institut fuer Hoeheren Studien Wien, Wien, 1981.
2. eine ausfuehrliche Darstellung s. das von H.Fassbinder /J.Rosemann zusammengestellte Schwerpunktheft "Rotterdam, ein Modell
fuer die Stadterneuerung" Bauwelt 19/1980.
3. s. die 12 Punkte zur Stadterneuerung der IBA Berlin.
4. Eine Uebersicht ueber die in Europa gaengigen Stadter- neuerungsstrategien gibt der Bericht der Arbeitsgruppe "Area based
approach to urban renewal" des Economic Council of Europe, The
Hague, 1987.
5. H. Fassbinder, E. Fuehr (Hg.) Die Aesthetik der Kuenste Berlin.
Materialien 2/85, Berlin 1985.
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