Helga Fassbinder

Harth Walter Haemer und die Behutsame Stadterneuerung

Eine Einleitung in die Dokumentation seiner Arbeiten



Die AktivitŠten H.W. HŠmers im Bereich von Stadtplanung und Wohnungsbau erstrecken sich Ÿber ein halbes Jahrhundert. Sie widerspiegeln die Planungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland auf eine besondere Weise: Wohl kein anderer Architekt in Deutschland war so wie HŠmer in vorderster Front involviert in den mŸhsamen Prozess, das Denken Ÿber Planen und Bauen den Erfordernissen einer zunehmend komplexeren und dynamischeren stŠdtischen Wirklichkeit anzupassen und eine dementsprechende ErgŠnzung, Flexibilisierung und Demokratisierung des Regelsystems der Planung gebauter Strukturen durchzusetzen. So kšnnen die in diesem Band zusammengestellten Projekte wie eine Illustration des Ringens um ein flexibles, demokratisches Planungssystem gelesen werden Ð nŸtzlich, um konkret zu begreifen, was Stadtplanung und Bauen im stŠdtischen Bestand in einer Demokratie im Wesen ist: das Entwickeln von Zielsetzungen und ihre bauliche Realisierung, die die regulierenden Eingriffe der …ffentlichen Hand einerseits und das freiwillige Handeln aller autonomen stŠdtischen Aktoren andererseits zu einem gemeinsamen, abgestimmten Vorgehen vereinen.

HŠmer ging es, wie in der hier vorliegenden Darstellung seiner wichtigsten Projekte und AktivitŠten deutlich zu sehen, trotz seiner fachlichen Herkunft und Verankerung als Architekt immer auch gleichzeitig um die Stadt als Ganzes, und zwar sowohl in ihrer Šsthetischen als auch in ihrer sozialen Dimension. Schon zu dem Projekt KurfŸrstendamm 1953, noch in seiner Studentenzeit, wird als Besonderheit vermerkt, dass er ãden KurfŸrstendamm in der Struktur seiner Bevšlkerung, verkehrstechnisch und baulich untersuchtÒ hat. FŸr ihn war ganz offensichtlich von Anfang an deutlich, was sich in der Planungsgeschichte der Bundesrepublik im generellen nur langsam durchgesetzt hat: dass der planerische und bauliche Umgang mit der bestehenden Stadt einen Eingriff in ein lebendiges GefŸge und nicht in eine tote Baumasse bedeutet. Aus dieser Haltung heraus hat er schon in der 2. HŠlfte der 60er Jahre gegen AbrissplŠne opponiert und Alternativen zum Erhalt der vorhandenen Strukturen vorgelegt - zu einem Zeitpunkt, zu dem Abriss noch zur gŠngigen Praxis unter Stadtplanern gehšrte, und wegen der angeblich grš§eren kreativen Freiheit bei Architekten auf offene Ohren stie§ (s. das PoppenbrŠu-Projekt Ingoldstadt, 1967).

HŠmer hingegen hat im Bestand nie eine BeeintrŠchtigung von entwerferischer KreativitŠt gesehen. Sieben Jahre spŠter, 1974 hatte er mit dem Projekt Klausener Platz der Fachwelt vorgefŸhrt, dass eine behutsame Erneuerung von baulichen BestŠnden des ausgehenden 19. Jhd. nicht allein kostengŸnstiger ist, sondern auch eine subtile und Šsthetisch feinsinnige Wiederbelebung von Stadt sein kann, die das vorhandene soziale GefŸge intakt erhŠlt. Noch ein weiteres Jahrzehnt spŠter in den 80er Jahren konnte er als Direktor der Altbau-IBA auch exzellente architektonische Beispiele fŸr Neubauten im Bestand von namhaften Architekten mit Šhnlichen Ideen Ÿber Architektur und Stadt prŠsentieren, die internationale Aufmerksamkeit hervorriefen, wie etwa die Bauten von H.+I. Baller und A.Siza, die sich harmonisch in den baulichen und sozialen Kontext einfŸgen und gleichzeitig gestalterische Innovationen darstellen.

Seine Projekte und AktivitŠten, Meilensteine der behutsamen Stadterneuerung, lagen fŸr HŠmer keineswegs auf einem Kšnigsweg - es war ein âlanger MarschÕ gegen WiderstŠnde aller Art durchzustehen, der viel Mut, Durchhaltevermšgen und Kampfgeist erforderte. Behutsame Stadterneuerung ist heute ein gŠngiger Begriff; jŸngere Stadtplaner und Architekten kšnnen sich kaum noch vorstellen, wieviel Anstrengung nštig war, um eine solche Vorgehensweise Ÿberhaupt zu ermšglichen. Es bedurfte insgesamt zweier Jahrzehnte, bis sich das auf Neubau getrimmte deutsche Planungssystem auf den Fall der Erhaltung von vorhandenen Bauten eingestellt hatte und sie in angemessener Weise regelte. Stadtplanung hat es ja vor allem mit der juristischen Festlegung dessen zu tun, was sein darf und was wie genutzt oder verŠndert werden kann. Erst in einem so festgelegten Rahmen ist KreativitŠt gefragt, darf gedacht werden, kšnnen Konzepte entwickelt und kšnnen konkrete PlŠne gemacht werden Ð PlŠne, die auch Chance auf Realisierung haben. Stadtplanung im Bestand hat es aber obendrein nicht mit einer willfŠhrigen Ausgangslage zu tun, die der Planer und der Architekt nur ordnen und gestalten muss. Es ist vielmehr die schwierige Kunst gefragt, einer Vielzahl von autonomen Akteuren, von denen jeder seine eigenen Interessen und Zielsetzungen hat, sein eigenes Tempo von Handeln verfolgt, seine eigenen Bezugsysteme besitzt - diesen autonomen Individuen eine gemeinsame Vision schmackhaft zu machen, fŸr die sie ihre individuelle Orientierung anzupassen oder gar aufzugeben bereit sind. Es geht also darum, die Nasen in die gleich Richtung zu lenken und die Bereitschaft zu wecken, fŸr ein gemeinsames Ziel Kompromisse zu schlie§en: das ist ein wesentlicher Teil der Kunst âStadtplanungÕ.

Stadtplanung regelt die Nutzung des stŠdtischen Bodens, den all diese so verschiedenartigen Akteure miteinander teilen, und sie legt QualitŠtsma§stŠbe fest: Licht, Luft und Sonne wurden nach langen Jahrzehnten schlechter Erfahrung mit einem zu gro§en Spielraum fŸr individuelles Handeln von HauseigentŸmern und Investoren zu einer kollektiven QualitŠtsvorstellung, und diese QualitŠten wurden schlie§lich - auch dies ein Prozess Ÿber Jahrzehnte Ð in einem festen Regelsystem verankert, an das sich bauliche und stŠdtebauliche Ma§nahmen anzupassen hatten. Das Bundesbaugesetz von 1960 war der Schlussstein dieser Entwicklung - und bei seiner Verabschiedung auch schon wieder sogleich die Grundlage fŸr ein neues Problem: jede allgemein gŸltige QualitŠtsnorm ist ein Korsett fŸr die Vielfalt des Lebens. Als man sich in der 2. HŠlfte der 60er Jahre in vielen StŠdten an die Modernisierung und funktionelle Anpassung der InnenstŠdte machte, war Abriss und Neubau der vorrangige Gedanke - auf Neubau war das Regelsystem ausgelegt, Neubau konnte die gesetzlich festgelegten QualitŠtsnormen garantieren. Neubau konnte den Investoren hšchst mšgliche Rendite durch maximalisierte Bodennutzung garantieren, den Architekten kreativen Freiraum bescheren und den Kommunalpolitikern und ihren WŠhlern die Vorstellung vermitteln, dass an der Verbesserung der QualitŠt der gebauten Umgebung gearbeitet wird. Folge: Kahlschlagsanierung.

Anders als in den frŸheren Epochen von gro§flŠchigem Abbruch und Neubau des 19.Jhds war jedoch inzwischen die Wohnbevšlkerung und waren vor allem auch sozial engagierte Studenten, junge Architekten und Stadtplaner nicht mehr bereit, solche Kahlschlagplanungen hinzunehmen. †ber ganz Mitteleuropa zog Ende der 60er Jahre eine Welle von Protestaktionen. Die Crux der Proteste war freilich, dass ihre Behauptung, es gŠbe eine sinnvollere Alternative, nŠmlich eben die einer behutsamen, erhaltenden Erneuerung, des praktischen Beweises entbehrte; schlimmer noch, diese Alternative verstie§ an allen Ecken und Kanten gegen die Bauvorschriften, die so exakt regelten, wie QualitŠt aussieht, wie gro§ ein WC, eine TŸr, wie breit ein Schlafzimmer etc. sein muss, wollte es genehmigt und die Renovierung gefšrdert werden.

In HŠmer fand diese Protestbewegung einen Kombattanten aus der Generation etablierter Architekten Ð er war der wei§e Rabe seiner Generation: Er vertrat die Argumente der €sthetik zur Verteidigung der alten GebŠude ebenso wie das Argument, keine vorhandenen sozialen Strukturen durch Umsiedlung zu zerstšren. Er hatte die Courage, sich bei Auftraggebern und Behšrden unbeliebt zu machen; und er hatte die FŠhigkeit, einem Volkstribun gleich, eine …ffentlichkeit fŸr diese Ideen zu begeistern und wichtige EntscheidungstrŠger zu gewinnen, die seine Projekte als Experimente ermšglichten - so in Berlin den Stadtbaudirektor Hans Christian Mueller, der HŠmers Projekte mit distanziertem Wohlwollen bedachte und ihm immer wieder Handlungsspielraum verschaffte.

HŠmer nahm somit eine SchlŸsselrolle bei der Durchsetzung der behutsamen Stadterneuerung ein: er konnte in seinen Projekten konkrete Gegenbeweise gegen die RationalitŠt der Abriss-Neubau-Lšsung liefern. Als praktizierender Architekt, der nicht unbedeutende AuftrŠge erhielt, war er in der Situation, die Behauptung, eine behutsame, sozial vertrŠgliche Erneuerung sei die kostengŸnstigere Alternative, auch faktisch zu beweisen. Unerschrocken, kŠmpferisch und hartnŠckig setzte er fŸr seine Projekte diese Position gegen alle WiderstŠnde von Wohnungsbaugesellschaften und Behšrden durch und verteidigte sie Ÿber deren gesamten Verlauf hinweg. Die beiden Modellprojekte Putbusser Strasse und Block 118 Klausener Platz sind Paradebeispiele hierfŸr. Sie brachten den gro§en Durchbruch, sie wurden zum Meilenstein in der Geschichte der deutschen Stadterneuerung und weit Ÿber Berlin hinaus bekannt. Das Šsthetisch so gelungene Projekt des Blocks 118 erhielt 1978 die Goldmedaille im Bundeswettbewerb Stadtgestalt und Denkmalschutz, der Block wurde zum Mekka fŸr lernwillige Stadtplaner und Architekten. Beide Projekte waren nur unter der Flagge des Experiments realisierbar gewesen, aber aus den Lehren dieser Experimente konnten schlie§lich Elemente einer Revision der Bauordnungsbestimmungen herausgefiltert werden, und hinsichtlich des dabei angewendeten partizipativen Verfahrens fanden sie 1976 ihren Niederschlag in der Novellierung des StŠdtebaufšrderungsgesetzes.

Es war nicht zuletzt dem Erfolg der beiden Modell-Projekte zu verdanken, dass Berlin 1978 erstmals in der Geschichte der Internationalen Bauausstellungen das Thema Altbauerneuerung aufgriff und gleichberechtigt neben das klassische Architekturthema âNeubauÕ stellte. HŠmer wurde ab 1978 die Leitung des Teils âAltbauÕ Ÿbertragen. Das gab ihm die Gelegenheit, zusammen mit engagierten jungen Architekten und Stadtplanern die Erkenntnisse seiner Projekte auszubauen und sie anzureichern mit Konzepten und Erfahrungen, die anderswo entwickelt worden waren, so der Stadterneuerung in Rotterdam mit ihrem Motto âBauen fŸrs QuartierÕ und ihrer radikalen Bewohnermehrheit bei den Projektgruppen Ð sie stand fŸr vieles in der Altbau-IBA Pate. Der Altbau-IBA kam vor allem auch HŠmers komplexe Auffassung von Stadt und Architektur und seine Offenheit fŸr neue Entwicklungen zugute: es entstand unter seiner €gide eine immense Palette von Innovationen Ð vom Planungsverfahren bis zu baubiologischen Neuerungen floss hier nahezu alles an sozialen, planerischen und baulichen Innovationen ein, womit in Europa zu dieser Zeit erfolgreich experimentiert wurde. Die Altbau-IBA wurde so zu einer Demonstration einer neuen Baukultur im Umgang mit der bestehenden Stadt. Die behutsame Stadterneuerung, festgelegt in 12 GrundsŠtzen, erhielt schlie§lich selbst ihre offizielle Weihe: 1983 wurden die 12 GrundsŠtze vom Berliner Abgeordnetenhaus âzustimmend zur KenntnisÕ genommen.

Ich will diese Einleitung in diese Dokumentation der Arbeiten H.W. HŠmers nicht beenden ohne seine Rolle als Lehrer hervorzuheben. Die Hochschulen und UniversitŠten sind die BrutstŠtten des Denkens einer nachfolgenden Generation von Fachleuten. Hier werden die Weichen im Kopf gestellt. Der Geist, der hier weht, droht spŠter noch durch die Amtsstuben und BŸros zu ziehen. Im Zuge der Demokratisierungwelle der 60er Jahre in Europa begannen die Studenten, gerade auch die Studenten der Architekturabteilungen, sich gegen âden Muff von tausend JahrenÕ und die primadonnenhafte Attitude ihrer Lehrer zu wehren. Auch hier hat HŠmer eine au§ergewšhnliche Rolle gespielt. Zu einem Zeitpunkt, als die Studentenrevolte die Hochschulen erschŸtterte und die Professoren sich defensiv in ihren Arbeitszimmern verschanzten, Ÿbernahm er die Verantwortung fŸr die Ausbildung an der HBK als Abteilungsleiter und trat die Flucht nach vorn an. Mit enormer Courage arbeitete er zusammen mit den Studenten eine neue Satzung aus, die den Studenten die Mehrheit einrŠumte. Sarkastisch kšnnte man sagen: er war seiner Zeit soweit voraus, dass ihn die Entwicklung an den Hochschulen immer noch nicht eingeholt hat...

Wesentlicher aber noch als ein solches Detail der Form der Hochschulselbstverwaltung war seine FŠhigkeit, als Lehrer Studenten und junge Kollegen fŸr eine breite Sicht auf ihr Fach zu begeistern, bei welcher €sthetik und soziales Engagement nicht als Widerspruch erscheinen, sondern als zwei Seiten derselben konkreten Zielvorstellung. In Seminaren und Symposien, teilweise in Kooperation mit Thomas Sieverts, hat er mit den Studenten immer wieder das Thema âkonfliktgeladene AltstadtprojekteÕ behandelt und damit auch inhaltlich eine Anpassung des Architekturstudiums an die gesellschaftliche Wirklichkeit vorangetrieben, ãdie den Architekten im Berufsleben hŠufiger mit Forderungen der Stadtplanung konfrontiert als mit dem Auftrag eines schšnen EinzelentwurfsÒ, wie er sagte. Dabei spielte eine multidisziplinŠre Herangehensweise eine wichtige Rolle. Was heute selbstverstŠndlich erscheint: die Einbeziehung unterschiedlicher Disziplinen in den Vorgang von Planen, Entwerfen und Konstruieren war damals eine hei§ umstrittene neue Forderung, vorgetragen von den revoltierenden Studenten und somit sogleich entsprechend verteufelt. Es entsprach der Struktur seines Denkens, dass HŠmer diese âKomplizierungÕ seines Fachs ohne Zšgern aufgriff und in sein Ausbildungskonzept mit einbaute. Einige Jahre darauf stellte er als GrŸndungsdirektor des Instituts fŸr Wohnen und Umwelt in Darmstadt aus denselben Ideen heraus die Weichen fŸr das Konzept einer multidisziplinŠren, praxisverwobenen Forschung und Entwicklung im Wohnungsbau. Auch hier war eine demokratische Institutsverfassung sein tragender Gedanke.

Es verwundert nicht, dass in den 90er Jahren das Stadtforum Berlin fŸr H.W. HŠmer zu einer wichtigen BŸhne wurde fŸr seine DiskussionsbeitrŠge zur Stadtplanung. Hier war schlie§lich der Idee einer Planung Gestalt verliehen, die die breite Palette der stŠdtischen Aktoren in aller …ffentlichkeit in ein konstruktives GesprŠch zur Entscheidungsfindung verwickelt. Auch hier zeigte er sich mit seinem Insistierend auf einem âStadtvertragÕ in der vordersten Linie des Denkens Ÿber Stadt und Stadtplanung. Bleibt, seinem in diesem Band dokumentierten AktivitŠten nachhaltige Aufmerksamkeit und Ÿber die Generationen hinweg Wirkungskraft zu wŸnschen.

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